HOTEL MAMA | Mental Guard

HOTEL MAMA


KURZ DIE WELT RETTEN

Meine Klientin, 28 Jahre alt, ist alleinerziehende Mutter und wohnt noch immer bei den Eltern. In ihrer Partnerschaft kriselt es. Zweimal brach sie ihr Studium ab. Aktuell leidet sie an Panikattacken. Sie bekommt Angst vor den Menschen in der Uni, in der U-Bahn, sie ängstigt sich auch zu Hause. Hinzu kommen psychosomatische Symptome: Schwitzen, Herzklopfen, Engegefühl im Brustkorb, Schwindel, Haarausfall… Verzweiflung pur bei der Klientin und ihrem Umfeld.

In der heutigen Sitzung haben wir mit dem Nautilus-Persönlichkeits-Profil (Werkzeug, u. a. um eigene und fremde Kommunikations- und Motivations-Stile zu entdecken, entwickelt von Klaus C. Marwitz) gearbeitet und sind beim Thema „Vergangenheit“ angelangt, die bei ihr inzwischen an vorrangiger Stelle steht. Meine Klientin (K) steht neben mir und betrachtet das ausgelegte rote Seil vor sich. „Hm“, sagt sie. Ich habe ihr erklärt, dass es die Zeitlinie ihres Lebens symbolisiert, ihre Timeline. Ihre Zukunft hat sie auf meine Frage hin schon im rechten Teil der Time line verortet.

„Und wo auf diesem Seil sehen Sie ihre Vergangenheit?“ frage ich sie jetzt.

Sie deutet sie wieder nach rechts: „Da ist meine Vergangenheit!“

C:  Mit anderen Worten, Vergangenheit und Zukunft gehören für Sie zusammen?

K:  Irgendwie ja!

C:  Und wo ist dann die Gegenwart?

Die Klientin schaut nach vorn und zeigt auf einen Punkt direkt vor sich.

Ich schmunzele.

C:  Wie schön. Da habe ich ja Glück gehabt, dass ich zu ihrer Gegenwart gehöre…!

Die Klientin lächelt verunsichert.

C:  Schauen Sie sich das einmal gut an. Ihre Zukunft und Ihre Vergangenheit liegen auf demselben Zeitpunkt – kann das funktionieren? Wie fühlt sich das an?

Die Klientin zuckt hilflos mit den Schultern.

C: Wissen Sie was, stellen Sie sich einmal auf ihre Zeitlinie vor sich genau auf den Punkt, wo Vergangenheit und Zukunft für Sie liegen.

Die junge Frau macht einen zögerlichen Schritt nach vorn und wendet sich dann nach rechts, das heißt sie steht jetzt mit dem Rücken zur Gegenwart.

C: Wie fühlt sich das an?

K: Komisch.

C: Kann ich mir vorstellen. Vergangenheit und Zukunft zusammen auf einem Punkt? Passt das?

K: Eigentlich nicht!

C: Ich möchte gern etwas testen, okay?

Meine Klientin kennt den O-Ringtest, den ich ihr schon im ersten Termin ausführlich erklärt hatte. Ich teste zunächst das Gefühl Zukunft.

C: Die Zukunft ist an dieser Stelle hier und jetzt okay! Ring hält.

C: Die Vergangenheit ist an dieser Stelle hier und jetzt okay!

K zeigt eine Schwächereaktion.

C: Oh, das scheint irgendetwas mit ihrer Vergangenheit zu sein – schauen wir mal weiter.

Die weiteren Tests nach der Timeline- Methode mit wingwave machen klar, dass meine Klientin Stress mit einem Ereignis in ihrer Vergangenheit. Offenbar hatten ihre Großeltern in der Vergangenheit Entsetzliches erlebt. Und sie lebten in der Angst, dass sich diese Vergangenheit wiederholen wird. An Emotionen waren vernichtender Hass im Spiel, Grusel und Ekel, auch emotionale Kälte und heftiger Zorn. Emotionen, die wir mit wingwave rasch bearbeiten konnten.

C: So jetzt haben wir die ungünstigen Gefühle neutralisiert. Wollen wir schauen, wie Sie nun auf ihrer Lebenszeitlinie weitergehen?

Die Klientin schaut mich lächelnd an.

C: Bevor wir das tun, habe ich noch ein, zwei komische Fragen, die jedoch für unser weiteres Vorgehen wichtig sind. Sie sagten anfangs, Sie sind Rechtshänderin. Sehen Sie mich bitte einmal an und sagen Sie mir, welche Farbe das Fahrrad Ihrer Kindheit hatte.

Meine Klientin schaut nach links oben und überlegt. „Weiß ich nicht mehr. Vielleicht rot?“

C: Haben Sie schon einmal einen pinkfarbenen Elefanten gesehen?

Die Augen wandern wieder nach links oben. Die junge Frau ist irgendwie verwundert:

„Ja, im Spielwarenladen letzte Woche.“

Ich schmunzele und frage weiter: „Wo werden Sie den nächsten Urlaub verbringen?“

Die Klientin überlegt und dreht die Augen wieder nach links oben: „Weiß ich noch nicht!“

C: Hm, sagen Sie, noch eine kurze Frage zu dem Thema Rechtshänder. Waren Sie schon immer Rechtshänder?

K: Ja!

C: Von Anfang an?

K: Ich weiß nicht, eigentlich schon.

Ich bitte die Klientin, ihre Timeline zu verlassen und erkläre ihr das Phänomen der Augenzugangsmuster: dass unsere Augen bei Erinnerungen meist unwillkürlich nach links wandern, nach links oben für das, was wir sehen, zur Seite für das, was wir hören und nach links unten für das, was wir spüren. Und wenn wir uns Dinge in der Zukunft vorstellen, gehen unsere Augen gleichermaßen nach rechts. Wir üben gemeinsam die Drehung der Augen nach rechts oben, wenn sie visuell an Künftiges denkt, nach rechts zur Seite wenn sie sich etwas auditiv vorstellt, und nach rechts unten, wenn sie kinästhetische Empfindungen beschreibt. Das Üben wird zunehmend besser. Ich gebe der Klientin den Auftrag, immer und überall die Augenbewegungen bewusst zu üben und Vertraute zu bitten, die Augenbewegungen zu kontrollieren.

C: Nun steigen Sie noch einmal auf Ihre Zeitlinie, dorthin, wo Sie sie eben verlassen haben, das Gesicht der Zukunft zugewandt. Wo ist Ihre Vergangenheit jetzt?

Die Klientin schaut sich um.

C: Okay, gehen Sie einmal ganz langsam zurück in Ihre Vergangenheit. Ganz langsam und genüsslich! Schauen Sie weiter geradeaus und bleiben Sie an dem Punkt stehen, an dem Sie irgendeine Veränderung fühlen.

Die Klientin schmunzelt und schreitet in kleinen Schritten zurück. Plötzlich bleibt sie stehen.

K: Hier ist was!

C lächelnd: Ja. Was ist hier?

K: Ach, ich bin in der Gegenwart angekommen!

C: Genau, und wo finden Sie jetzt Ihre Vergangenheit?

K mit Überzeugung: Ich gehe weiter zurück!

C: Na, dann mal los!

Die junge Frau macht kleine Schritte auf der Timeline zurück und hält plötzlich wieder an: „Ich habe das Gefühl, ich bin angekommen.“

Ich trete an die Klientin heran und frage: „Darf ich kurz testen?“

Sie nickt.

Die Klientin zeigt beim O-Ringtest eine starke Reaktion. Sie ist in ihrer Vergangenheit angekommen und fühlt sich wohl. Und es ist für sie okay, jetzt wieder in die Gegenwart zu gehen. Ich mache eine ausladende Armbewegung:

„Darf ich bitten? Herzlich willkommen in unserer Gegenwart!“

Die Klientin lacht und macht ein paar Schritte nach vorn. Ich teste die Lage von Gegenwart und Zukunft auf ihrer Timeline. Und dann noch einmal die neue Beziehung von Vergangenheit,Gegenwart und Zukunft – alles okay.

Wir besprechen, wie die nächsten Schritte der Klientin aussehen könnten – in der Beziehung, im Studium, in ihrem gesamten Umfeld. Ich spüre, wie sehr sie sich Klientin auf zu Hause freut. Sie kann es plötzlich kaum erwarten endlich loszugehen. Sechs Wochen später höre ich, dass sie endgültig zu ihrem Freund gezogen ist. Sie hat das zweite Studium wieder aufgenommen und darf Prüfungen nachträglich ablegen.

Gabriele Lönne

www.loenne.info

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